Joachims Traum – Wirklichkeit des Bildes (engl.)

SOMNIUM – Die Wirklichkeit des Bildes ***
Joachims Traum (Textauszug, excerpt in english scroll below)  

Die Figur des Joachims steht in einer weit zurückreichenden Bildtradition, die zu einem Freskenzyklus gehört, den Giotto di Bondone zu Beginn des dreizehnten Jahrhunderts für die Arenakapelle in Padua geschaffen hat. Giotto hatte sich zu jener Zeit auf die Überlieferung des Protoevangeliums des Jacobus aus der Mitte des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts bezogen. Joachim gehört also in einen bibelnahen Kontext, der zu der damaligen Zeit offensichtlich wichtig war. Denn Giotto hat in Padua u.a. zwölf Wandbilder, sogenannte Bilderkästen geschaffen, die die Lebensgeschichte der Gottesmutter Maria zeigen und den Raum der Kapelle für die bildliche anstelle einer schriftlichen Unterweisung öffnen. Hierzu zählen auch Begebenheiten aus dem Leben der Eltern von Maria, Anna und Joachim, die noch kinderlos sind.
Im Traum wird Joachim geweissagt, dass seine Frau Anna, bald ein Mädchen zur Welt bringen wird. Anna und Joachim werden auf die Geburt ihres Kindes Maria vorbereitet.Joachim, der der Überlieferung nach ein reicher Priester ist, kommt zweimal mit dem Engel in Berührung, einmal im Wachzustand und einmal im Schlaf. Während diese Figur nach und nach in Augenschein genommen wird, stellt sich gleich zu Beginn die Frage, ob Joachim den Engel, der in nächster Nähe auf dem Fresko von Giotto zu sehen ist, überhaupt bemerkt oder gehört, hat. Dabei ist klar, dass der Traum hier einen Zweck hat, denn er ist das Medium des Sakralen. Was sieht der Betrachter wirklich, wenn er auf das Bild Joachims Traum von Giotto schaut?
Die Zustimmung ist hier noch weiter zu differenzieren: „Gott“ – wer auch immer der Schöpfer der bildgewordenen Welt ist – kann den Betrug nicht mitliefern, d.h. das Faktische rein oder unrein, wahr oder unwahr vorgeben. Nur der Mensch kann das, und er vermag noch mehr; er kann auch lügen und betrügen, gewaltsam vorgehen oder unsinniger Weise morden, gleichgültig, ob das Faktische von ihm profan oder sakral angenommen, manipuliert oder schlicht durch Betrug zustande kommt. Der Betrachter sieht sich, wie er zusieht, indem er visuelle Angebote aufgreift und damit das Sehen ausschaltet, während er zustimmend alles – sei es nun abhängig oder unabhängig, sei es profan oder sakral – glaubt. Der Träumende wird aufgefordert zu glauben und zuzustimmen, was er im Wachzustand nur bedingt erkennt, wie der Betrachter vor dem Bild, der das Gleichnis vom Sehen mitverfolgt und es auf die Wirklichkeit des Bildes überträgt.
(Arthur Engelbert, Berlin, September 2017)

SOMNIUM – The Reality of the Image
The Dream of Joachim (text excerpt)
The figure of the Joachim is part of a fresco cycle created by Giotto di Bondone at the beginning of the thirteenth century for the Arena Chapel in Padua. Giotto had at that time referred to the tradition of the proto-gospel of Jacobus from the middle of the second century AD. Joachim therefore belongs in a context close to the Bible, which was obviously important at that time. In Padua, Giotto has created twelve murals, so-called picture boxes, which show the life story of Our Lady and open the room of the chapel for the figurative instruction instead of a written one. This also includes events from the life of Maria, Anna and Joachim’s parents, who are still childless. In a dream Joachim is told that his wife Anna will soon give birth to a girl. Anna and Joachim are prepared for the birth of their child Maria. Joachim, who is a rich priest according to tradition, comes into contact with the angel twice, once in his waking state and once in his sleep. While this figure is gradually being inspected, the question arises at the very beginning if Joachim who can be seen in the immediate vicinity of Giotto’s fresco has even noticed or heard the angel. It is clear that the dream has a purpose here, because it is the medium of the sacred. What does the viewer really see when he looks at Joachim’s dream of Giotto? The agreement is to be further differentiated here: „God“ – whoever is the creator of the visualiced world – cannot supply the fraud, i. e. the factual pure or unclean, true or false. Only man can do this, and he can do even more; he can also lie and cheat, act violently or commit murder in a senseless way, regardless of whether the facts are accepted profane or sacred by him, manipulated or simply created by fraud. The observer sees himself or herself watching as he or she takes up visual offers and thus switches off seeing, while agreeing to believe everything – whether dependent or independent, profane or sacred. The dreamer is asked to believe and agree, which he recognizes only partially in his waking state, as does the observer in front of the picture, who follows the parable of seeing and transfers it to the reality of the picture.
(Arthur Engelbert, Berlin, September 2017) 

EVA Konferenz Berlin, Detlef Günther ©

Gotto, Traum des Joachims, Fresko, Arenakapelle Padua, 1304/05

*** Projekt von Detlef Günter und Arthur Englebert auf der EVA Konferenz in Berlin, Oktober 2017