Voices of the City

Wenn es so etwas gibt, wie gestische Hörraume, dann ist Mumbai ein Beweis dafür: Eine Million Menschen kommen jeden Tag morgens an der Victoria Station, dem alten Kolonial-Bahnhof aus dem 19. Jh., an und verlassen abends über ihn auch wieder die Stadt. Menschenmengen in der Größenordnung von 300 Fußballstadien bevölkern diese Stadt, sie sind die soziale Botschaft einer Stimme, einer Stimmung, fast lautlos, währenddessen andere Geräusche um Aufmerksamkeit geradezu vehement oder im Stillen ringen, wie das endlose Hupen, weil am ja niemand verletzten will, der gerade hier oder dort vorbeiläuft oder man macht es, wie die viel zu vielen Krähen, die nur penetrant laut sind.

Man kann Klangmuster der Stimme an dem Ort ihrer Entstehung finden, man kann diese Lokalitäten aufsuchen und selbst in den Prozess von Stimme und Körper eine Position zu finden suchen. Stadtviertel in Mumbai „durchstreifen“ und Stimmen „sammeln“. Ein performativer Versuch. Tradierte Vorstellungen, die das Stadtbild, die Stadtlandschaft und der Stadtgrundriss mit Peripherie und Zentrum umfassen, fassen nicht mehr die in-Bewegung-geratene südindische Megacity. Für die Wahrnehmung dieser sich abzeichnenden Tendenzen ist zu unterscheiden: „Heutzutage vereinen südostasiatische Städte klar erkennbar zwei Komponenten an einem Ort: erstens die ‚statische Stadt’, die aus dauerhaften Materialien wie Beton, Stahl und Ziegeln errichtet, auf Landkarten als flächige Einheit auszumachen und von monumentaler Präsens ist. Der andere Teil ist die ‚kinetische Stadt’, die nicht als geschlossene flächige Einheit erfassbar ist, sondern als Stadt in Bewegung – ein dreidimensionales Konstrukt mit fragmentierten Grundverhältnissen, errichtet aus wiederverwendetem Müll, Plastikplanen, Schrott, Stoff und Holzabfällen, dazwischen Satellitenschüsseln, ein Gewirr aus Stromleitungen, Kabeln. Es ist ein Kaleidoskop aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, komprimiert zu einem Geflecht von Gassen, Sackgassen und einer labyrinthischen mysteriösen Straßenlandschaft, die sich wie jeder Organismus beständig verändert und neu erfindet.“ Diese Dynamik produziert Geräusche, die den Einwohnern sozusagen an den Zungen klebt. Mumbay schreit geradezu massenhaft nach Veränderungen, die es ohne eine bestimmbare und deutbare Aussage hervorbringt. Gerade in Indien ist das Körperverhältnis zur Stadt nicht sprachlos, wobei uns hier die Vorsprachlichkeit eines Körper-Stadt-Interface (urban-body-interface), bezogen auf die Stimme interessiert. Man könnte den von Sumathi Ramaswamy geprägten Ausdruck des „bodyspaces“ aufgreifen und auf die urbane Stimmenlandschaft übertragen.

Rahul Mehrotra: Die Bazarstadt – Metapher südasiatischer Urbanität, in: Katalog Wien: Kapital & Karma. Aktuelle Positionen indischer Kunst, Capital & Karma. Recent Positions in India Art, hg. von Gerald Matt, Angelika Fitz, Michael Wörgötter und der Kunsthalle Wien, Ostfildern-Ruit: Hatje Cantz Verlag 2002, S.97
„The term that I use for such enchanted mappings of the national geobody ist ‚bodyscapes“, a species fo the modern map which is to put work in ways that are different form the tasks of disenchanted cartografic production of the state.“
Sumathi Ramaswamy: Visualizing India’s Geo-Body: Globs, Maps, Bodyscapes, in: Katalog Berlin: body.city. siting comtemporary culture in India, Berlin: Haus der Kulturen der Welt und Tulika Books 2003, S.221

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