Kulturelle Räume

Gegenwärtig ist ein rasanter Umbruch im Verständnis von (Kultur)-Räumen festzustellen. Gewohnte und überflüssige Grenzziehungen verlieren ihre Gültigkeit.
(…)
Raum als Bezugssystem
Das sowohl konkrete als auch metaphorische Modell der richtungsfreien Orientierung im perspektivischen, dreidimensionalen Raum mit einem offenen Horizont weicht anderen Modellen, die weniger „eindimensional“ und weniger einseitig „perspektivisch“ angelegt sind. Diese Raum-Problematik ist bereits seit der klassischen Moderne sozial, kulturell und künstlerisch programmatisch
und hat zur Auflösung des tradierten Raummodells der frühen Neuzeit geführt. Aus dem „zerbröselten“ und „atomisierten“ Raum ist ein relatives und äußerst dynamisches Bezugssystem hervorgegangen, in dem Standorte und Standpunkte im Zugleich von lokal und global wechseln.
Die Aufhebung von nah und fern, die Durchdringung von öffentlich und privat sowie von real und virtuell haben den „abgeschlossen erschlossenen” Raum der Moderne wieder gedanklich und praktisch geöffnet: Der mehrdimensionale Raum der Physik und der multidimensionale Raum im Alltag haben eines gemeinsam, wahrgenommen wird nur das, was für die Beobachtung jeweils wichtig ist und zugelassen wird. Der uns bekannte Raum ist nur einer von vielen.

Raum ist ein Grenzbegriff
Was zeichnet die Renaissance von kulturellen Räumen aus? Wie lauten die wichtigsten Aktions-und Reflexionsfelder?
Die Begriffsverbindung von Kultur und Raum zu „Kulturräumen“ erscheint so zwingend wie willkürlich. Denn genauso berechtigt und tragfähig ist beispielsweise die Kombination von Sprache, Handeln und Denken in Verbindung mit Raum. „Sprachräume“, „Handlungsräume“ und „Denkräume“ sind ebenso konstruierbar und wären dann ebenso verbindlich bzw. unverbindlich wie „Kulturräume“. Die Offenheit des Raumbegriffs ist es also, die eine mannigfaltige Verwendung zulässt. Uns interessiert hier seine programmatische Verwendung im Bereich der Kultur und der Kunst.
Da der Raumbegriff vielschichtig ist, muss man sich von vornherein beschränken. „Raum“ und „Zeit“ sind die beiden klassischen Anschauungskategorien, von denen wir annehmen, dass sie unser Denken, Fühlen und Handeln bestimmen. Die Schwierigkeit dabei ist jedoch nicht allein die begriffliche Einschränkung, sondern die Frage, ob sich die spekulative Verführungsmacht des Begriffes „Raum“ überhaupt einschränken lässt. Anders gesagt, besteht der produktive Effekt
des „Raumbegriffs“ darin, dass man ihn sprunghaft durch assoziative Bezugsfelder erweitern oder sogar ganz verlassen kann. Offensichtlich berührt die Frage nach dem „Raum“ immer auch noch andere, allgemeinere Fragen, die reflektiert werden müssen; es sind Fragen nach den Bedingungen und Grenzen von Kultur und damit auch von gesellschaftlichen Prozessen. Kultur ist eine kreative Impulsmaschine in die offenen Ränder des Raumes, der in Analogie zu Begriffen wie Bewegung und Werden steht. Damit führt der Raumbegriff über sich hinaus.
An die Stelle des Möglichkeitsraums (white cube) der klassischen Moderne mit seinem Verständnis einer Vervielfachung durch individuelle Setzung ist ein technisch-technologisches Raumprinzip getreten, in dem die sprunghafte Durchdringung von Räumen, Ebenen und Schichten zwischen Nano- und Giga-Strukturen Vorteile der Zuordnungen und Bindungen eröffnet hat.
Damit verbunden ist die Ab-lösung einer linearen Konstruktion von Realität. Das technisch-technologische Raummodell bestimmt die gegenwärtige, nichtlineare Konstruktion von Realität. Dieses Raummodell basiert auf Vermittlung von Beziehungen und Anordnungen in einem vernetzten Raum, indem die Raumerfahrungen ein Produkt dieser vermittelten Verhältnisse sind. Die technologischen Schübe im Austausch vorhandener Standards (Beschleunigung) geben das Tempo dieser Veränderungen an, auf die die sozialen und kulturellen Instanzen bislang nur zögerlich reagieren.
Das ist formal gesprochen ein Krisenphänomen der Gegenwart.
Hier setzt unsere Auseinandersetzung ein, um eine Fragestellung zur Raumvermittlung anhand kultureller Prozesse zu entwickeln. Die Erforschung von kulturell und sozial geprägten Kulturräumen tritt der determinierten Verschaltung in technisch-technologisch vernetzten Räumen entgegen. Dies ist weder praktisch noch theoretisch lösbar, vielleicht unlösbar, denn die Macht der technisch-technologischen Imperative stellt eine Herausforderung dar, die aus der Sicht der Zeitgenossen, die ihr Denken und Handeln reflektiertermaßen „navigieren“ sollen, eine fast übermenschliche Herausforderung. Mit populären Aufrufen zur Umkehr – wie „ändere dein Leben“ – ist es nicht getan. Man muss sozusagen in die Wirbel dieser Aufgabe, die sich da auftut, hineinschauen und erkennen, dass die Durchdringung des technisch-technologischen Raummodells in allen gesellschaftlichen Bereichen schon sehr weit fortgeschritten ist. Sie bietet Chancen für Zeit und eröffnet Raum für die politische Gestaltung des alltäglichen Lebens, aber nicht um ihn als sozialen Übungs-, sondern vielmehr als politischen Gedankenraum zu nutzen.
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mehr Arthur Engelbert, Berlin-Juli 2009
in: Katalog: Detlef Günther – Heaven Opens Tübingen: Wasmuth Verlag 2009

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