Internetnutzung als kulturelles Phänomen

Kultur und Kunst Online oder die Frage nach virtueller Kunst
differentKunst ist unter anderem durch ein Verhältnis von Innen und Außen bestimmt. Der Austragungsort dieses Verhältnisses ist gemeinhin der Ausstellungsraum. Dagegen sucht man Kunst im Gefüge des Web vergeblich. Dieser Bereich erscheint uns ein Vakuum, fast wie ein Horror Vacui. Warum gibt es im Social Web keine kulturellen Räume? Beziehungsweise, warum kenne ich keine? Warum ist Kunst, außer in der Pionierphase des Internet, „draußen“. Warum spielt sich alles hier und nicht dort ab? Gibt es eine Grenze, eine Barriere? Ein Grund, der für die virtuelle Abwesenheit der Künste spricht, ist ihre Materialität. Sie drängt seit der Moderne immerhin und unaufhörlich in den physikalischen Raum. Im Verhältnis von Innen und Außen bringt sie alle Aspekte in den Ausstellungsraum. Also ist das der entscheidende Aspekt: die Transformation und die Übersetzung funktioniert im erweiterbaren Raum der Kunst bestens. Obwohl der Raum als Kiste, White- oder Black Box simpel ist, reicht er aus, alle Aspekte vorzustellen. Das gilt auch für die Medien, die sich dem physikalischen Raum entziehen. Etwas das Kontinuum des Films. Aber auch das kann reflektiert und z.B. durch Projektionen auf eine differenzierte Weise Gegenstand im Ausstellungsraum werden. Solange das so ist, besteht kaum ein Anlass, den bisherigen Ort der Reflexion und Begegnung aufzugeben und einen kulturellen, einen immateriellen Raum zu kreieren oder endlich den schon etwas älteren Gedanken des virtuellen Museums im Netz zu realisieren.
Ist das wirklich so? Sind das die Gründe, die dafür sprechen, dass die internationale Bühne des vernetzten Kunstbetriebs resistent ist gegenüber dem permanent wachsenden Raum des Web?

Diskutiert man diese Frage weiter, kommt man nicht umhin einzuräumen, dass seit dem Web2.0 teilweise innovative, auf jeden Fall vehemente Formate der Direkt- oder Sofort-Kommunikation entwickelt worden sind, die man zusammengefasst als eine innovative, kulturelle Nutzung des Internets begreifen kann. Es geht beim Bloggen oder Twittern nicht mehr allein um das technologische Management von Informationen, Wissen oder Inhalten, sondern um den vorwiegend instanten Austausch sozialer Gruppierungen, die in ihrem Umfeld agieren, aber auch in der Lage in sind, Aufmerksamkeit über ihren Kreis hinaus zu erlangen, mitunter sogar bis hin zu Medienereignissen. Das ist bekannt. Daran partizipieren auch diejenigen, so ist zu vermuten, die ansonsten die Instanz des Ausstellungsraumes nicht verlassen (brauchen).
Dass kulturelle Einrichtungen und künstlerische Projekte im Netz präsent sind, ist selbstverständlich. Es sind statische Mittel, die Öffentlichkeit des Web für Selbstdarstellung und Service zu nutzen. Darüber hinaus aber – wie gesagt – gibt es kaum nennenswerte Formen der Partizipation an der dynamischen Entwicklung des Internet. Liegt das an der individuellen Komponente künstlerischer Arbeit? Müssten es denn Gruppen sein, die soziale Veränderungen, Wünsche thematisieren? Im ersten Schritt der Logik, die auf einen Vergleich mit aktiven Nutzergemeinschaften aus, könnte man das vermuten. Es wäre sicherlich nicht falsch. Nur greift diese Überlegung zu kurz. Was wirklich fehlt, ist das künstlerische Projekt oder das künstlerische „Werk“ unter den Bedingungen des Web. Man versteht das besser, wenn man sich die Bewegung der Ideen, Phantasien und Dinge rund um den Ausstellungsraum verdeutlicht? Letztlich wandert ein Ding oder eine Idee in eine Sammlung, ein Museum oder ganz einfach in einem privaten Raum, wo es seinen Platz findet: Da hängt also ein Bild an der Wand, nachdem es in einer Galerie gekauft wurde. Zugegeben, dieser Umstand lässt sich auch über einen Galerie, die nur über das Netz verkauft tätigen. Insbesondere technische Bilder, Fotografien etc. lassen sich grundsätzlich über das Netz erwerben. Sie haben zwar das nicht die Kaufaura, aber der Zweck ist klar, man kommt direkt an die Sachen ran, ohne einen Galerieraum aufzusuchen oder ohne auf eine Kunstmesse gehen zu müssen. Gegenüber wirtschaftlichen Erwägungen werden andere wohl zurücktreten müssen. Gegenwärtig ist das eher die Ausnahme.
rom_ringDamit können wir wieder den Faden der Nachfragen aufnehmen und überlegen, ob es möglich ist, Kunst im Web zu machen. So wie ein Bild an einer Wand hängt, gibt möglicherweise ein Äquivalent im Netz? Kurz: Wie macht man Kunst im Web? Auftragskunst? Weil es sich lohnt, die ästhetischen Parameter zu verändern? Freie Kunst? Weil individuelle Strategien gegenüber dem Standard von Second Life und anderem angesagt wären?
Die Antworten auf diese Frage tangieren nicht nur die Beschäftigungslogik von Künstlern im Netz, sondern sie betreffen auch die Frage nach der Bedingungen von Kunst. Das sind tradiert Fragen nach der Materie, der Spur der Idee im Material, der ästhetischen Qualität oder dem künstlerischen Urteil. Es gibt kulturelle Konventionen, die durch die ästhetische Praxis, durch Bildung und einer Politik der Vermittlung genau das regeln. Wenn die gegenwärtigen, erweiterbaren Rituale der Kunstpraxis ausreichen, sollte man nicht vermuten, dass der virtuelle Raum sanktioniert würde. Das glaube ich nicht. Die individuelle Widerständigkeit gegenüber dem virtuellen Raum, ist keine verschleppte Anpassungsfähigkeit, noch mangelt es an ernsthaften Auseinandersetzungen mit der Idee des Cyberspace. Wobei man auch sagen muss, dass es mediale Affinitäten sind, die den Ausschlag in der Auseinandersetzung geben. Von der (SF)-Literatur sind Impulse für den virtuellen Raum ausgegangen. Womit schon ausgesprochen ist, dass vor allem Fragen nach Fiktion und Realität oder dem Zwischenreich des Virtuellen sich in der Hand der Schriftsteller und ihrer LeserInnen befinden.
Was sich in der bisherigen Abstinenz von Kultur und Kunst im Netz ausdrückt, ist eine stillschweigende Bewertung: „Dieser Bereich ist offensichtlich noch nicht ausreichend interessant.“ Oder anders gesagt, er ist in den gegenwärtigen Formen der Partizipation der unglaublich vielen Nutzer noch zu unbedarft. Mit dieser Haltung wartet man ab. Wahrscheinlich gibt es zur Zeit keine andere Instanz als die tradierte (Ausstellungs)Kunst, in der Technik und Technologie überhaupt reflektiert werden können. Der alte Austragungsort, der Ausstellungsraum reicht dazu aus. Mehr als das: Dieser ist gefordert, kulturelle Formen des Web aufzuzeigen. Das ist in der gegenwärtigen Phase genug, zu zeigen, wie soziale Energie verdampft, gegenüber aller Vernunft, gegenüber z.B. einer ökologischen Vision.

plakatwebtendenzenenglisch

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