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Forschungsprofil: Das Individuum und die Frage nach dem Möglichkeitskern
Die Frage nach dem Individuum ist zentral in den Studien von Arthur Engelbert. Ausgehend von der These, dass gegenwärtig jedes Individuum für sich in den westlichen Gesellschaften Passformen generiert, die dem allgemeinen Standard bzw. der Normierung entsprechen und somit systematisch die Möglichkeit einer individuelle Differenz ausklammert, um den allgemeinen Status der Verblendung und Schizophrenie bewusst konform anzunehmen: Man hat es also mit einer tendenziell zunehmenden Form der Bejahung von Anpassung zu tun. In der Tradition der künstlerischen Moderne eröffnete vor allem die „ikonische“ Differenz eine Distanz zur Prägung dessen, was den Einzelnen ausmacht mit der Beobachtung, dass die Möglichkeit zu etwas anderem besteht, indem etwas für das Individuum sichtbar wird, was ihm dies zulässt bzw. ihm dies aufzeigt. Wenn die Freiheit des Individuums an die des ästhetisch Möglichen gekoppelt war, ist zu konstatieren, dass der Möglichkeitskern der ikonischen Differenz durch technisch-technologische sowie politisch-soziale Formen der Bestimmung des Einzelnen überlagert worden ist. In der vor ein paar Jahren begonnenen Trilogie, die mit HELP! einsetzte und mit einer Studie über die Treppe als physikalisches und mentales Instrument gerade ergänzt wurde, stehen Überlegungen im Mittelpunkt, die dem skizzierten historischen Wendepunkt in der Bestimmung des Einzelnen folgen. Die Prämisse lautet, dass die Bestimmung des Individuums sowie des Anderen auf ein Konstrukt von der Gruppe hin zu übertragen ist, wofür der tradierte Möglichkeitskern der Kunst aufgegriffen und verlagert wird, so dass im Denkbaren, Vorstellbaren und Machbaren ein Unterscheidungsfeld eingeführt wird, welches eine Distanz von Individuum und Individuum* sowie von Realität und Realität* zulassen soll. Ein solches Unterscheidungsfeld könnte etwas über die perfekte Passform Hinausgehendes sichtbar machen, auch wenn sich dies zunächst im unperfekten Aussetzen, Stottern oder Hinken manifestiert und somit nur indirekt eine Differenz zur Diktatur der perfekten Passform sichtbar macht. Letzteres ist das Thema des dritten Teils der Studie, welche zur Zeit in Arbeit ist. Flankierend zu den Überlegungen nach den Konsequenzen hinsichtlich des Wendepunktes des Möglichkeitskerns gibt es seit fünfzehn Jahren interkulturelle Projekte, in denen Fragen nach der Differenz des Individuums unter den Bedingungen anderer Kulturen und Machtkonstellationen praktisch untersucht werden. Erkannt wurde anhand diskursorientierter Kooperationsprojekte, dass die scheinbare Vielfalt die Konfrontation mit der Einfalt des Tatsächlichen aushalten muss. Aus diesem Grund gibt es seit circa sieben Jahren eine Konzentration auf Kooperationen mit Partnern aus Israel, in denen Themenkomplexe gemeinsam formuliert werden. Interkulturelle Projekte stellen sozusagen Umzugsarbeiten am Projekt des Möglichkeitskerns dar, in denen verdeckte Differenzen nicht nur sichtbar, sondern bezogen auf den eigenen Standort der Beobachtung unter anderen Bedingungen überhaupt erst einsichtig werden.